Tochter & Mutter

Ilona Kümmel
Ihre Porträts sind mehr als ein Abbild des Models. Mit schnellem Federstrich erfasst die Zeichnerin Ilona Kümmel die Wesenszüge ihres Gegenübers, Charakteristika, jede Attitüde. Die Wilhelmshavenerin, Jahrgang 1969, veredelt mit ihren Zeichnungen den von ihrer Mutter Gerda Kümmel verfassten Roman „Die Kette der Menschlichkeit", der auch ihre Familiengeschichte erzählt. Durch die Illustrationen werden Menschen nahbar und Zeitgeschichte lebendig.
Ilona Kümmel malt schon seit Kindertagen. Die Vorstellung von Realität, so erzählt sie, lief für sie immer über Bilder.
1990, mit 21 Jahren, stellte die junge Frau erstmals Werke öffentlich aus, in der Wilhelmshavener „Galerie M" von Christa Marxfeld-Paluszak. Stark beeinflusst wurde sie durch ihre Arbeit am Straßenrand in Deutschland und im europäischen Ausland – Porträts von Erwachsenen und Kindern im Minuten-Takt.
Ilona Kümmel studierte Kunst im ersten Hauptfach, Sport und Förderpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Heute arbeitet sie hauptberuflich als Förderschullehrerin. Niederschlag in der pädagogischen Arbeit an der Schule findet die kulturelle Ader der Mutter von zwei erwachsenen Söhnen in der Theaterpädagogik. Darüber hinaus arbeitet sie vielfältig als Malerin und Zeichnerin, stellt Werke aus, gestaltet Kalender, illustriert das Zeit- und Sportgeschehen und veröffentlicht Karikaturen in der örtlichen Zeitung.
Gerda Kümmel
Literarisch gesehen mag Gerda Kümmel eine Spätberufene sein. Aber ihr Leben lang hat sie sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit stark gemacht. Ihr autobiografischer Roman „Die Kette der Menschlichkeit“ ist eine Art Lebenswerk. Der Fokus liegt auf Solidarität und Willkür, die die Familie der Wilhelmshavenerin während der Nazi-Diktatur erlebt hat.
Die Autorin wurde während der Kriegswirren in Roth bei Nürnberg geboren. Sie arbeitete viele Jahre als Gewerkschaftssekretärin in der Deutschen Angestelltengewerkschaft. Nach Fortbildungen an der Universität Hamburg in Psychologie und Arbeitsrecht wurde sie ab Anfang der 1990er Jahre Mobbing-Beraterin, zunächst in Diensten der DAG, dann als vermutlich erste Selbstständige in diesem Metier in Deutschland. Bis zum 70. Lebensjahr immer im Einsatz an der Schnittstelle zwischen Betrieben, Arbeitsgerichtsbarkeit und Krankenkassen.
Neben ihrem Engagement für Mobbing-Opfer engagierte sich die früh verwitwete Wilhelmshavenerin kommunalpolitisch zehn Jahre lang bei den Grünen im Rat der Stadt. Auch hier ging es häufig um Recht und Gerechtigkeit, um Not und um das Bemühen um eine bessere Welt. 16 Jahre schrieb sie für die Wilhelmshavener Zeitung regelmäßig Kolumnen, die zum Teil in einem Büchlein „Die Liebe ist keine Einbahnstraße“ durch den Isensee Verlag veröffentlicht wurden. Ihre Tochter zeichnete auch hier passend zu den Geschichten Bilder.
Der Blick zurück in die eigene Familiengeschichte wurde in den Gesprächen mit den eigenen Enkelkindern geschärft. Ihre Eltern hatten mit ihr nur wenig über die Nazi-Zeit gesprochen. Doch durch Gespräche mit ihrer Großmutter erfuhr sie in jungen Jahren schon einiges von dem Schicksal ihres Großvaters. Aber erst eigene Recherchen in den Familien-Analen und in verschiedensten Archiven brachten die Mosaikstücke ans Tageslicht, die Grundlage für dieses Buch geworden sind, an dem letztlich viele Familienangehörige mitgewirkt haben. Die Erinnerung an die Gründe der Entstehung der noch jungen Stadt mit den ähnlichen Schicksalen vieler Familien sollen für die heutige Generation wieder ins Gedächtnis gerufen werden.