
Der Nationalsozialismus in Deutschland ist 1945 untergegangen. Vor über 80 Jahren. Krieg, Vernichtungslager, Mord und Totschlag, Enteignung, Vertreibung und Denunziationen von Menschen sind seitdem unwiderruflicher Bestandteil der deutschen Geschichte. Ein Volk im Rassenwahn. Der Nachbar wird in kürzester Zeit zum Aussätzigen, der Freund zum Staatsfeind.
Alles vorbei? Der allergrößte Teil der Täter wurde gerichtet oder ist inzwischen gestorben. Und es gibt auch nur noch sehr, sehr wenige Opfer, die Konzentrationslager und Verfolgung überlebt haben, die unmittelbar von ihrem Schicksal berichten könnten.
… Aber für die Nachgeborenen, die in Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit aufgewachsen sind, bleibt die Frage unverändert dringlich: „Wie konnte es so weit kommen?" Wie konnte etwas so Unfassbares passieren? Warum hat sich niemand gewehrt?
Es wird ohne die mahnenden Stimmen von Zeitzeugen nicht einfacher werden, Erklärungen zu finden. Gerda Kümmels autobiografischer Familienroman gibt keine abschließende Antwort, schließt aber eine wichtige Lücke. Er sensibilisiert für die Arroganz von Dummheit und Gewalt, für Ausgrenzung und Entmenschlichung, für Machtmissbrauch durch die Herrschenden unter dem Deckmantel von vermeintlichem Recht und gebeugten Gesetzen.
… Die Stärke der Erzählung liegt in der Nähe zu den Protagonisten, dem Vater, der Mutter, dem Bruder, dem Arbeitskollegen auf der Werft, dem jüdischen Arbeitgeber, der geflüchteten Geliebten und, und, und. Der Weg in die Katastrophe führt dabei über wohl bekannte Schauplätze in der Stadt Wilhelmshaven und im benachbarten Landkreis Friesland. Gerade die Vertrautheit des lokalen Umfeldes und der vielen, zum Teil wiedererkennbaren Charaktere erzeugen eine Atmosphäre der Nähe, die dazu mahnt, die Gräuel der Vergangenheit nicht ins Reich des Vergessens abzudrängen.
Gerade in Zeiten, in denen autokratische Kräfte unser Weltbild erschüttern und rechtsextremistisches Gedankengut wieder hoffähig zu werden droht, ist diese Sensibilisierung ungemein wichtig. Aus der Frage: „Wie konnte das geschehen?" ist längst der Auftrag geworden: „So etwas darf nie wieder passieren!"
… Der Widerstand der „Kette der Menschlichkeit", der in der lokalhistorischen Betrachtung bislang kaum gewürdigt wurde, zeigt, dass es auch während der Nazi-Diktatur Aufrechte gab, die bereit waren, für ihre Moralvorstellungen einzustehen, indem sie an Leib und Leben bedrohten Menschen zur Flucht verhalfen. Kompromisslos. Ohne Rücksicht auf Gefahren für die eigene Existenz.
Gerda Kümmel würdigt in ihrem Roman diesen unfassbaren Mut zur Zivilcourage, dem Kern aller Menschlichkeit. Und unweigerlich konfrontiert sie damit ihre Leserschaft mit der Frage: „Wie hätte ich mich damals verhalten?" Damit ist der Weg geebnet für den unausgesprochenen Appell: „Verhalte dich menschlich, heute und morgen!"